Der Luxus des Gewährenlassens
Unaufgeregt und entspannt geben sich Garish auf ihrem achten Studio-Album „Am Ende wird alles ein Garten“. Ein eindrucksvolles Dokument musikalischen Selbstbewusstseins.

Garish: Am Ende wird alles ein Garten (Ink Music)
Es wurde an dieser Stelle schon einmal festgestellt – lustigerweise auch in einer Geschichte über österreichische Pop-Produktion (siehe die Passage über Oxyjane) -, dass den PR-Abteilungen von Plattenfirmen bisweilen genuine Geistesblitze entweichen. Als „das unbeirrt dahinsegelnde Entdeckungsschiff auf dem Ozean menschlicher Untiefen“ bezeichnet ihr Label Ink Music die burgenländische Band Garish. Ein Ozean, der aus Untiefen besteht – siehe das dezisive „dem“ statt dem unbestimmten „einem“! – ist eine hübsche Vorstellung. Sie passt indes nicht schlecht zu Garish, einer Band der Widersprüche und Antagonismen.
Exorbitanter Anerkennung ihres Schaffens steht in fast proportionaler Umkehrung dessen ökonomischer Ertrag gegenüber: Stets sahen sich die anfangs fünf, heute vier Akteure gezwungen, das Musikmachen durch Nebenjobs zu finanzieren. Daran hat übrigens auch ein Intermezzo beim Branchenriesen Universal nichts geändert.

Garish 2017 © Andreas Jakwerth
Acht Mal waren Garish – mit sechs verschiedenen Alben – für einen Amadeus nominiert; bekommen haben sie nie einen. Ganz spurlos sind solche Erfahrungen nicht an der Band vorübergegangen. Schon einmal war, wie Garishs Sänger und Texter Thomas Jarmer dem Autor dieser Zeilen erzählt hat, ein Punkt erreicht, an dem die Existenz der Band in Frage stand.
Dann verließ (Mitte der Zehner-Jahre) Christoph Jarmer, Gitarrist und Bruder von Garishs primus inter pares, die Gruppe unter nicht ganz friktionsfreien Umständen. Zunächst auf englischsprachigen Indie-Rock kapriziert, verfolgt der Aussteiger seit einigen Jahren eine ansehnliche Karriere als Dialekt-Liedermacher Kristoff.
Die historische Troika: Ja, Panik – Kreisky – Garish
Garish bilden mit Ja, Panik und Kreisky so etwas wie das sprichwörtliche Alpha und Omega des deutschsprachigen Indie-Pop/Rocks österreichischer Provenienz: Eine einerseits schon historische Troika, die diese Spielart erst mit überlebenstauglicher Nachhaltigkeit infiltriert hat, die andererseits als (eigentlich übergroßer) Gradmesser für Nachfolge-Generationen immer noch voll in Funktion steht.

Freundlich, zugänglich: Garish 2025 © Manuel Pitsch
Im Vergleich zum ziemlich strengen „kritischen Bewusstsein“, das ihre Zeit- und Weggenossen Ja, Panik und Kreisky sowohl formal wie auch inhaltlich zum Ausdruck bringen, geben sich Garish, die 2000 mit „Amaurose pur“ ihr LP-Debüt gegeben haben, „humaner“, zugänglicher, nachsichtiger: Zu einer Musik, die Pop, Rock, Folk und Chanson souverän zu einer harmonisch-melodiesatt-üppigen Musiksprache amalgamiert, ergründen sie subtil-verständig und mit hintergründigem Witz die Wege, Spielplätze, Klippen und Abgründe menschlicher Interaktion.
Dabei ist es nicht etwa so, dass sie „große“ – sagen wir’s ohne Umstände: politische – Themen und Bezüge außen vor ließen (denn die spielen ja bekanntlich überall hinein). Aber sie stutzen ihren Stellenwert auf die Perspektive eines Individuums, das Anforderungen des täglichen Lebensunterhalts, intimer und sozialer Beziehungen, Freizeit-Aktivitäten/Präferenzen und Wahrnehmungen aus unterschiedlichen Medien auf einen Nenner zu bringen hat.
Immer „gleich“ und jedes Mal anders
Garish gehören zu den Bands, die es schaffen, im Wesentlichen immer „gleich“ zu klingen und doch jeder LP eine eigene, spezifische Ausstrahlung zu geben. Auf „Trumpf“ (2014) probten sie die große Geste, die Annäherung an den Stadion-Rock; ihren letztes regulären, auch schon acht Jahre zurückliegenden, famosen Longplayer „Komm, schwarzer Kater“ charakterisierten Schwebezustände und behändes Lavieren durch unterschiedliche Intensitäten, Dynamiken, Tempi und Stile.
(Studio-)Album Nummer 8, „Am Ende wird alles ein Garten“, ist nicht ganz so vertrackt wie sein Vorgänger, dafür entspannter und deutlich gelassener. Wenn „Komm, schwarzer Kater“ Konzentration und Zuspitzung forcierte, so ist hier viel Fluss und Gewährenlassen, in flotteren Songs aber auch eine Leichthändigkeit und Dynamik, der nichts Martialisches anhaftet, selbst nicht wenn – wie im munteren „Das können wir besser“ – aufgekratzte Gitarrenläufe von der Leine gelassen werden.
Natürlich brillieren die Texte wieder mit Killerzeilen wie „Du willst 100 werden / aber sicher nicht 1000 Tode sterben“, „Das Universum hält dir keinen Parkplatz frei“, „Wünsch dir was aber lass dir sagen / auch wenn nix passiert, musst du es ertragen“ oder „Herz und Hirn sind selten einer Meinung“.
Besonders eindrucksvoll sind in Verbindung mit der musikalischen Form jede Songs, die – wie oben beschrieben – das Einsickern des globalen Horrors ins Private spüren lassen. Wenn Jarmer in „Die Faust“ sehr langsam mit den Worten „Halt mich –“ einsteigt, erwartet man zunächst Liebessehnen. Es geht jedoch weiter: „– nicht auf / Ich leist‘ mir einen Fehler / ich geh jetzt einfach raus / Lust auf Radau / gestern, heute, morgen, das hält doch keiner aus“.
Nächste Live-Termine:
20.03. Posthof, Linz; 21.03. Dom im Berg, Graz; 22.03. Spielboden, Dornbirn; 04.04. Bäckerei, Innsbruck; 05.04. ARGEKultur, Salzburg; 10.04. WUK, Wien; 11.04. Kulturhof, Villach; 23.05. OKH, Vöcklabruck; 24.05. Kultur:Plattform, St. Johann (T); 24.05. Kultur:Plattform, St. Johann (T); 05.06. Cinema Paradiso, St. Pölten; 28.06. Burg Schlaining, Stadtschlaining.

Garish: Am Ende wird alles ein Garten (Ink Music)
Das Individuum steht bei Garish über der Politik und dem globalen Horror