Die Weisheit der Couch Potatoes
Die britische Band Moreish Idols begeistert auf ihrem LP-Debüt „All In The Game" mit musikalischer Überfülle und abgeklärten Inhalten.

Moreish Idols: All In The Game (Speedy Wunderground)
Es gibt Musik, die überzeugt durch Formstrenge und Konzentration. Ihre eisige Klarheit bei gleichzeitigem – dafür auch unabdingbarem – Verzicht auf klischeebeladenen Zierat machte Televisions „Marquee Moon“ zu der epochalen Platte, die sie ist, obwohl sie rein kategorisch nichts Spezielleres als Gitarren-Rock bietet. „More Songs About Buildings And Food“, die eigenartigerweise nicht als herausragend eingestufte zweite LP der Talkings Heads, oder auch die Joy Division-Alben „Unknown Pleasures“ und insbesondere „Closer“ sind weitere Schul-Beispiele für besonders stringent und fokussiert produzierte Werke.
Dann gibt es aber auch – ebenfalls großartige – Musik, die permanent aus dem Ruder zu laufen, sich jeden Augenblick zu verformen scheint wie strudelndes Wasser. Musik, die sportlich gesehen nicht den direkten Zug zum Tor zeigt, sondern Slalom fährt – und selbst dabei nicht den kürzesten Weg sucht.
„All In The Game“, das Full-Length-Debüt des aus Cornwall stammenden, nun aber in London ansässigen Quintetts Moreish Idols, ist ein solcher Fall. Verzerrungen und eigentümliche Klangcollagen scheinen unter zweistimmigem, zeitweise himmlisch schönem Harmoniegesang und eleganten Gitarren-Linien durchzuschlüpfen, als hätte man sie nicht einzufangen oder zu bändigen vermocht; ein aufgewecktes Saxophon geriert sich bisweilen, als habe es mit so Kleinlichkeiten wie rhythmischen Strukturen und Song-Dramaturgien nichts zu tun.
Oder greifen wir ein einzelnes Stück heraus: „Railway“ beginnt mit einer Rap-artigen Aufzählung unschöner Ansichten wie einer „broken treadmill“ und „endless rows of steel“ über einem alles andere als anheimelnden Gitarren-Riff, gleitet in einen gefälligeren Refrain und von diesem sogar in eine fast liebliche Bridge, hinter der sich alsgleich ein harsches Break mit aufheulender elektrischer Distortion-Gitarre auftut und den Song in ein animiertes Finale mit wechselweise zu- und abnehmenden Dynamiken treibt.
Zöglinge der Windmill-Szene
Im heimatlichen UK haben Moreish Idols schon länger einen guten Namen als Live-Attraktion. Mittlerweile haben sie das, nach erfolgreichen Konzerten in Rotterdam, Paris und Marseille, auch auf Teilen des Kontinents.
Die beiden Gitarristen und Sänger Tom Kellett und Jude Lilley sowie Saxophonist Dylan Humphreys sind naturgemäß ihre auffälligsten Akteure, Bassist Caspar Swindells und Drummer Sol Lamey fügen sich indes kongenial ins Line-up.
Vor „All In the Game“ haben Moreish Idols zwei EPs veröffentlicht, die nachverfolgen lassen, wie die Band die Schnüre eines zunächst noch relativ straff sitzenden Post-Punk-Korsetts gelöst und sich freieren, fließenderen Formen zugewandt hat.
Moreish Idols publizieren auf dem Speedy Wunderground-Label ihres Produzenten Dan Carey, auf dem neben vielen anderen Großen wie Kae Tempest, Steve Mason, Squid oder Heartworms auch black bidi und Black Country, New Road veröffentlicht haben und entstammen wie Letztgenannte der sogenannten Windmill-Szene. Diese ist benannt nach einem Pub in Brixton, London, einer schon legendären, weil seit gut zwei Jahrzehnten florierenden Spielstätte für neue, ungewöhnliche, experimentelle Musik.
Ihr Nahverhältnis zur Windmill-Szene kann als ein Indikator für ihre musikalische Sozialisation gesehen werden, ein anderer könnte aber sogar aus ihrer Herkunft aus Canterbury abgeleitet werden: Die sogenannte Canterbury Scene, die Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre Bands wie Soft Machine (mit Kevin Ayers und Robert Wyatt), Henry Cow (mit Fred Frith) oder Caravan hervorbrachte, übte sich in interessanten Grenzgängen zwischen Progressive Rock, Jazz und nicht zuletzt Folk.
Folk als Anker
Für Progressive Rock fehlt es Moreish Idols etwas an Pathos und großem Gestus. Jazz dagegen ist in Humphrey´s Saxophon-Passagen, die übrigens bisweilen Erinnerungen an das große US-amerikanische Freistil-Rock-Trio Morphine wecken, ein veritables Thema.
Das Folk-Element wiederum ist einigermaßen tief in der Anlage der Songs, die trotz der vielen spektakulären instrumentalen Einlagen großteils auch in Minimal-Variante bestehen könnten, verankert. Sowohl „Sundog“ wie auch „Pale Blue Dot“ strahlen musikalisch eine satte Lakonie aus, wie sie Singer/Songwritern wie Mike Doughty gut ansteht.

Moreish Idols: Die Songschreiber Tom Kellett (2.v.l.) und Jude Lilley (2.v.r.) arbeiten sich an Gipsköpfen ab (© Kharn Roberts)
Im Titelsong „All In the Game“ erhebt sich eine ehrfurchtgebietende, von Gitarren getragene Gesangsmelodie aus einer burlesken, irgendwie nach Schabernack klingenden Saxophon-Figur zu einer melancholisch-existenzialistischen Meditation über Zeit, das Unvermeidliche und letztendlich Sterblichkeit. Selbst „Dream Pixel“, einer der Signature Songs des Albums, bringt just über seinen hypnotisch-eingängigen Gesangsteil die spektakulären Gitarren- und Noise-Einlagen (als Kontrastprogramm) erst richtig zur Geltung.
Wie manche andere große Platten – Bowies „Scary Monsters“ etwa oder Robert Plants „Lullaby & The Ceaseless Roar“ – setzt „All In the Game“ eine Klammer: Der Schlusssong „Time’s Wasting“ nimmt den Faden auf, den der sonore Opener „Ambergrin“ – laut seinem Textautor Lilley eine Art Überlebensszenario nach einer Katastrophe – liegen lässt. Am Ende aber artet es in lärmige Dissonanzen aus – als würde jetzt erst das ganze Ausmaß an Zerstörung sichtbar werden oder erst ins Bewusstsein dringen.
Denn die Platte soll, wie die kreativen Köpfe Kellett und Lilley zu Protokoll geben, einen Entwicklungsprozess reflektieren. Körperliche Leiden in ihren Familien oder an der eigenen Person – Lilley erkrankte an Ankylosierender Spondylitis, einer entzündlichen Rheumaerkrankung, die er medikamentös in den Griff bekam – haben bei den Musikern Werte verschoben und das Bewusstsein für die Fragilität und auch Endlichkeit der menschlichen Existenz geschärft.
Und was für tierisch schöne Bilder dafür gefunden werden!
„There’s a googley eyed crow within our midst you know / Watching us wide eyed / Like a couch potato knows the show’s about to end“.

Moreish Idols: All In The Game (Speedy Wunderground)
Es klingt manchmal, als wäre etwas durchgeschlüpft, das man nicht zu bändigen gewusst hat.