Großer Hund klingt groß

Die kanadische Sängerin Bria Salmena gibt mit „Big Dog“ ihr Debüt als Solistin mit Songs, die ihre Emotionen über den Lauf der letzten vier Jahre wiedergeben.

Von
29. März 2025

Bria Salmena: Big Dog (Sub Pop)

Aufgefallen ist sie hellhörigen Zeitgenossen hierzulande vor ein paar Jahren durch zwei EPs mit überwältigend stimmigen, sinnlichen Coverversionen von Songs aus dem Genre Country wie „By The Time I Get To Phoenix“, „I Dream A Highway“oder „Where Have All The Cowboys Gone“ und annektierten Artverwandten wie dem Walker Brothers-Hit „The Sun Ain´t Gonna Shine Anymore“ oder John Cales Ballade „Buffalo Ballet“.

Cuntry Covers (Vol. I & II)“ hieß das Ganze frech und verfolgte das Ziel, Country von reaktionärer Heim(at)seligkeit und Gemütlichkeit zu befreien und seine außenseiterischen, rauen und auch depressiven Seiten zu exponieren.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Bria Salmena, gebürtige Kanadierin mit italienischen Wurzeln und heute in L.A. lebhafte Mittdreißigerin, war bereits als Background-Sängerin (und Gitarristin) mit dem queeren Alternative-Country-Sänger Orville Peck – Markenzeichen: eine Maske mit langen Fransen vorm Gesicht – getourt. Daneben war sie Sängerin der kanadischen Hardcore-/Punk-Band Frigs.

Eine Person mit Stellenwert

Frigs-Gitarrist Duncan Hay Jennings ist Salmenas wichtigster Partner als Songschreiber und Produzent bei ihrem Solo-Debüt „Big Dog“, dessen Repertoire im Laufe der letzten vier Jahre kreiert worden ist. Den Titel verdankt sie übrigens einem Freund, der sie in einer Ansprache als eben das, einen big dog (im amerikanischen Slang eine Person mit Stellenwert), bezeichnete.

Auf „Big Dog“ ist Salmenas musikalische Vergangenheit in beiden Polen repräsentiert: Vom Punk kommen Aggressivität und Explosivität, vom Country Gefühligkeit und Sentiment. Aber Salmena vermeidet es mit grimmiger Entschlossenheit, beides einfach als puristische Reverenz zu liefern.

Als Solistin hat sich Bria Salmena musikalisch emanzipiert (© Matthew Tammaro)

Vielmehr scheinen die schnelleren Stücke dauernd an Fesseln zu zu zerren, einmal Richtung Power-Pop, dann wieder mit wuchtigen Drums und dosierter Elektronik Richtung metallischen Rock zu drängen, während die Balladen zu Folk mit stellenweise fast kammermusikalischem Einschlag tendieren.

Die ganze Tonleiter menschlicher Emotionen

Es ist ein eigentümliches Talent Bria Salmenas, bisweilen besser zu klingen als sie eigentlich ist. Sie ist stilistisch vielseitig, leistet zusammen mit Jennings gute Kompositions- und Produktionsarbeit, ist aber an keiner Stelle auch nur im leisesten Ansatz erfinderisch. Es passt dazu, dass die Texte zwar öfters recht geschickt gedrechselt sind, aber niemals aus der Beziehungskiste ausbrechen.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Das unterscheidet Salmenas Solo-Debüt, an dem außer Jennings maßgeblich Meg Remy von U.S. Girls und Graham Walsh von Holy Fuck – beide aus dem eher experimentellen Rock-Bereich – sowie in einem Song Sonic Youths Lee Ranaldo mitgearbeitet haben, natürlich nicht von ungefähr 98,7 Prozent der Werke, die sich sich über den Lauf einiger Monate in den oberen Regionen der Kritikerlisten versammeln. Es soll ja auch nur die Irritation verdeutlichen, dass sich hier etwas bisweilen als ganz groß darstellt, was bei pedantischer Prüfung vielleicht nur ein paar Zentimeter Nasenspitze über den Mitbewerb heben kann.

Salmenas großer Trumpf, von dem schon ihre „Cuntry Covers“ profitiert haben, ist: Hat man sie einmal gehört, vergisst man sie nicht wieder. Und das verdankt sie ihrer Stimme. Im Boulevard würde man sie plump „charismatisch“ nennen: ein bisserl heiser, in ihrem ganz leicht vulgärem Unterton bisweilen an Courtney Love erinnernd, (heraus)fordernd, aber auch verletzlich, sarkastisch, lakonisch, also praktisch fast die ganze Tonleiter menschlicher Emotionen auf- und abkletternd – und deshalb unmittelbar ansprechend.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Und da relativiert sich auch die pejorative Bemerkung, dass ihre Texte ausschließlich von Beziehungen handeln: Man kann kann sich bei dieser Stimme einfach keine anderen Inhalte vorstellen. So privat und zugleich emotional universell wie ihr Gesang sind auch Salmenas Szenarien von zwischenmenschlichen Begierden, Sehnsüchten, Abgründen, Katastrophen: Es ist alles drinnen. „Leave dying dogs where they lay / leave all my fears to be afraid / and I would give myself away“, heißt es an einer besonders schönen Stelle.

Bria Salmena: Big Dog (Sub Pop)

Bria Salmenas Trumpf: Hat man sie einmal gehört, vergisst man sie nicht wieder.