Horror im Dancefloor-Design
Eine eindrückliche Entdeckungsreise mit exorbitant vielen Facetten offeriert das kalifornische HipHop-Trio Clipping. auf seinem dystopischen Album „Dead Channel Sky“.

Clipping: Dead Channels Sky (Sub Pop)
Cyberpunk ist eine dystopische Spielart der Science-fiction, die meist erzählt, wie technologischer Fortschritt um des Wohlergehens großer Konzerne und weniger Mächtiger willen zur Unterjochung der Menschheit missbraucht wird.
Beim frühen HipHop sieht der renommierte amerikanische Kultur-Journalist, Autor und Universitäts-Professor Roy Christopher (unter verbalem Bezug auf Walter Benjamin) „Korrespondenzen“ zu Cyberpunk-Literatur. Die postulierte Wesensverwandtschaft belegt er, vereinfacht zusammengefasst, damit, dass beide Genres annähernd zur selben Zeit groß wurden (frühe 80er) und mit prononcierter DIY*-Attitüde avancierte Technologien aufgreifen, um durch eine Neudeutung der Vergangenheit zukunftsfähige Weltentwürfe zu kreieren.
Im Trio Clipping. aus L.A. ortet Christopher, wie er im Pressetext zu deren neuem Album, „Dead Channel Sky“, darlegt, die Möglichkeit, dass HipHop und Cyberpunk tatsächlich als eine Kultur interagieren.
Clipping. (mit Punkt) bestehen aus dem Produzentenduo William Hutson und Jonathan Snipes sowie dem Texter und Rapper Daveed Diggs, der als gefragter Film- und Serien-Schauspieler mittlerweile bekannter ist und vor allem mehr verdient denn als Musiker, aber, wie „Dead Channel Sky“ nachdrücklich untermauert, immer noch mit vollem Einsatz bei der Sache ist.
Schon mit dem Debüt-Album „CLPPNG“ (2014) fanden die drei das Wohlgefallen der Kritik und sogar eine gewisse Breitenwirkung. Der große Wurf gelang ihnen aber 2016 mit LP Nr. 2 mit dem schönen, das grundsätzliche Problem dieser Welt im antagonistischen Titel benennende „Splendor & Misery“.
Das retro-futuristische Konzeptalbum um den letzten Überlebenden eines Sklavenaufstandes, der in einem interstellaren Raumfrachter einer ungewissen Zukunft entgegensteuert, wurde für den Hugo Award, einem der renommiertesten Science-fiction-Preise, nominiert, was natürlich Christophers These von der Wesensverwandtschaft von Cyberpunk und HipHop (zumindest nach Art von Clipping.) substanziell untermauert.

Clipping. © David Fitt
Bei der Verleihung des Hugo Award gingen Clipping. dann freilich ebenso leer aus wie ein Jahr später, als sie neuerlich für die Auszeichnung nominiert waren: diesmal für den Song „The Deep“, in dem eine Gruppe von Sklavenabkömmlingen sich in den Tiefen des Atlantischen Ozeans gegen die Ölindustrie zu verteidigen versucht.
Bedürfnis nach alternativer Existenz
„Dead Channel Sky“ ist keine Konzept-Platte im engsten Sinn, wenngleich schon eine Art inhaltliche Rahmung in Daveed Diggs MG-Salven-artig herausgeballerten Wortgeschossen auszumachen ist. Posen von Macht, Überlegenheit, Coolness, aber auch Avatare sind wiederkehrende Motive, die auf verschiedene Weise auf Bedürfnisse nach alternativen Existenzen hinweisen; Drogenhandel, die Schere zwischen Arm und Reich sind als thematische Stränge erkennbar. Schreckensbilder wie Feuer, die auf den verbrannten Überresten von Kindern tanzen, atmen apokalyptischen Horror, der in Sounds von Sirenen, Detonationen, Verzerrungen, Frequenzstörungen, Splittern, Quietschen, Statik, Krachen und vielen anderen klanglichen Terrorakten eine fast plastische akustische Entsprechung findet.
Eine besonders großartige Einlage liefert Wilco-Gitarrist Nels Cline, der mit einem dissonanten Solo seiner avantgardistischen Ader ihren freien, lärmigen Lauf lässt.
Dabei orientieren sich die musikalischen Texturen des Albums an eher hedonistischen Zeiten, nämlich den Dancefloor-Bewegungen der 80er und 90er Jahre – neben HipHop etwa House, Acid-House, Jungle, Rave, Drum & Bass. Sehr sporadisch wird einmal der Druck reduziert, kommen plötzlich ein hübsches Piano und elegante Streicher zum Vorschein – und Diggs offenbart, dass er auch singen kann. Fast schön sogar.
*DIY: Do it yourself

Clipping: Dead Channels Sky (Sub Pop)
„Dead Channel Sky“ ist keine Konzept-Platte im engsten Sinn, wiewohl schon eine Art inhaltliche Rahmung erkennbar ist.