Nichts Neues unter der Sonne

In gewohnten Bahnen, teils ekstatisch aufmunternd, teils verhuscht sedierend: Die neuen Alben der österreichischen Formationen 5/8erl in Ehr’n, Oehl und Cari Cari.

Von
15. März 2025

Verfügen über ein raffiniertes Song- und Time-Management: 5/8erl in Ehr'n (c) Astrid Knie

Es kommt nicht so oft vor, dass man einen Song mehr als drei Monate lang zumindest täglich einmal hört – ob man will oder nicht. Wer die Sommermonate regelmäßig an der Alten Donau verbringt, dem ist „Badeschluss“ wahrlich mehr als vertraut. Diesen Song der 5/8erl in Ehr’n weht es jeden Abend vom anderen Ufer herüber, aus den Lautsprechern des Strandbades, wo er – wie auch anders – das Ende des jeweiligen Badestages musikalisch verkündet & einleitet (und sich mitunter zu einer wenig angenehmen Kakophonie mit einer grellen Violinsonate aus dem gleich daneben gelegenen Bundesbad vermischt, die dort zum Tagesfinale öffentlich ertönt).

Badeschluss! – 5/8erl in Ehr’n im Strandbad Alte Donau. (c) Schmickl

Nun kann man diesen Song, weil er so herrlich geschmeidig-samtig klingt, um das täglich sisyphushaft-Unvermeidliche einzuläuten, auch öfters hören, ohne dass er einen zwangsläufig nervt. (Schon gar nicht, wenn er live dargeboten wird, wie etwa im Rahmen der letztjährigen Bädertournee der Wiener Gruppe). Trotzdem ist man froh, wenn man wieder einmal anderen, neueren Songs & Klängen des Quintetts lauschen darf. So wie jetzt, nach Erscheinen ihres siebenten Albums, „Burn On!“.

Am Ende des Tages…

Man kann dem „Badeschluss“ nunmehr, um gewissermaßen im Zeitplan zu bleiben, den Song „Am Ende des Tages“ folgen lassen, auch wenn es darin gleich zu Beginn heißt: „Am Ende des Tages – ist der Tag noch nicht vorbei…“. Nicht die einzige sprachgewitzte Volte, die die (zu) häufig gebrauchte Redewendung kreativ ins Absurde laufen lässt. Unterlegt ist das alles mit einem geshuffelten Staccato-Rhythmus und einem funky Refrain, der einmal mehr zeigt, welch wunderbaren Groove 5/8erl in Ehr’n zu entfachen vermögen. Von allen Wiener Gruppen, die mit dem Lokalsound der Stadt liebäugeln, sind sie rhythmisch die am besten geerdete (und stilistisch vielfältigste). Kann gut sein, dass diese als erste Single ausgekoppelte Nummer einem – so wie das schon bei früheren, extrem eingängigen Songs wie „Alaba – How do you do“ (2014) oder „Vaporizer“ (2020) der Fall war – am Ende des Tages nicht mehr aus dem Kopf geht (und erst recht nicht aus dem Gehörgang).

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

So muss man mit diesem Ohrwurm eventuell bis zum Morgen(grauen) zubringen, bevor einen „Wo die Sunn aufgeht“ (Track Nr. 7 + Single Nr. 2) auf andere musikalische Gedanken bringt, die man dann – zumindest im Sommer – wiederum bis zum Badeschluss fingerschnippend wälzt und sich mit ihnen ausweglos im Kreise dreht. Man sieht schon, dem gefinkelten, über 24 Stunden raffiniert verteilten Time-Management dieser Band ist nur schwer zu entkommen, weshalb „Burn On!“ schon der passende (Album-)Titel ist.

Nur noch große Schlucke

Das musikalisch gehaltvollste Stück auf dieser Platte findet sich freilich schon früher, nämlich als Track Nummer 2, „Ruhe Macht Panik“, einer Kooperation mit dem Jazzorchester Vorarlberg, das der an sich schon reichhaltigen Klangpalette der fünf Achterl noch einen halben Liter kräftig sprudelnder Sounds hinzufügt, sodass ein stürmisches Crescendo im bis zum Rand gefüllten (Wein-)Glas ausbricht. Da gibt’s nur noch große Schlucke, kein Nippen mehr (wie in einigen zurückhaltenderen Songs).

5/8erl in Ehr’n: Burn On! (Viennese Soulfood Records)

An variablen Ausdrucksformen fehlt es dem Fünfer aber auch „solo“ nicht, alleine schon deswegen, weil sich neben den beiden schmähführenden Sängern Max Gaier und Bobby Slivovsky mit dem Bassisten Hanibal Scheutz und vor allem dem Pianisten Clemens Wenger und der Gitarristin Miki Liebermann ausgesprochene Virtuosen in ihren Reihen befinden, die das sowohl im Studio als auch bei Konzerten in passender Dosierung zeigen dürfen.

Da der Schmäh des Duos – wie auch so manch reißerischer Rhythmus – erst live so richtig zur Geltung kommt, bleiben die Alben des Quintetts indes gewissermaßen kalte Platten, die einer forcierten Animation und lebendigen Erwärmung bedürfen, um einen vollen Genuss zu ermöglichen, wie Robert Slivovsky in einem Gespräch mit dem „Falter“ auch zugibt, wenn er die Lieder erst dann für vollendet hält, „wenn sie mit den Menschen in Kontakt treten, die sie hören“.
Dazu gibt es in nächster Zeit zahlreiche Gelegenheiten, da sich die Gruppe auf eine ausgiebige Tournee begibt, die am 11. April im Wiener Globe (Marx Halle) endet. (Alle weiteren Termine siehe www.5achterl.at)

Abhanden gekommenes Ladegerät

Beim Wiener Ariel Oehl verhält sich die Sache anders. Da geben die Alben mehr – an Atmosphäre, Ausdruck und Klangfarben – her als Live-Auftritte, deren zumindest einen einst – im Wiener WUK – ich als langweilig und uninspiriert empfand. Was bei einem zurückhaltenden, mehr in sich gekehrten – und beim Vortrag ja auch mehr in sich selbst hinein nuschelnden – Sänger nicht weiter verwunderlich ist. Schmähführer ist der keiner – und eine Rampensau erst recht nicht. Muss ja auch nicht sein.

Wobei der seit 2022 (nach der Trennung von Mitmusikant Hjörtur Hjörleifsson) als Soloprojekt agierende Musiker sowieso die Hörerschaft teilt wie weiland Moses das Rote Meer: Der eine Teil wendet sich vom harmonieseligen, mitunter ins Süßliche abdriftenden Gesang, der in seiner verwaschenen Phrasierung mehr lautmalerisch wirkt, sogleich brüsk & widerwillig ab, während sich der andere Teil von den sanften, einlullenden, sirenenhaften Klängen verzaubern, verführen und fast überall hin mitnehmen lässt. Zu diesen zählt immerhin Herbert Grönemeyer, der Oehl einst als Support engagierte – und beim eigenen Label, Grönland Records, unter Vertrag hat. (Blöde Frage: Greift Trump mit seinen kleinen gierigen Fingern eigentlich auch danach?) Und auch der deutsche Musiker Caspar outete sich als Oehl-Fan – und verglich ihn etwas überzogen mit Tame Impala und Tocotronic.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Der Schreiber dieser Zeilen war bisher – nach den ersten beiden Oehl-Alben, „Über Nacht“ (2020) und „Keine Blumen“ (2022), minus das WUK-Konzert – eher im zweiten, zustimmenden und bewundernden Lager beheimatet. Aber ich fürchte, das wird sich nun, nach mehrfachem Anhören der neuen Platte, „lieben wir“, ändern. Einerseits schläfern einen die über weite Strecken gleichförmigen, fade dahinsäuselnden, schlagerartigen Songs der ersten Hälfte ein. Was daran genuine „Gitarrenmusik“ sein soll, wie der (übrigens vom wesensverwandten Tobias Pötzelsberger verfasste) Pressetext vollmundig verkündet, nur weil hie und da ein bisschen akustisch geschrummt und e-gezirpt wird, bleibt rätselhaft. Im Vorder- und auch Hintergrund wabern flächige Sounds und Vokalarrangements, mit gelegentlichem Synthie- und Streicherüberhang.

Oehl: lieben wir (Grönland Records)

Andererseits gibt es, ab Song 7 von allzu üppigen 15, ein paar Ausreißer: etwa das bereits vorweg ausgekoppelte „In diesem Jahr reden wir nur gut voneinander“, dessen Titel fast wie eine Beschwörung klingt (die wir leider nicht erfüllen können). Aber immerhin versteht man Text und Gesang halbwegs („Als wir einander fast fünf Jahre kannten/ Da kam deine Liebe eines Tags abhanden/ wie das Ladegerät deiner Sony Cyber-shot…“) , der sich über einem pizzicatohaften Rhythmus zu einer kleinen feinen Hymne der Versöhnung aufschwingt.

„Nett hier, aber waren Sie schonmal in Therapie?“ (was für ein Songtitel!) klingt ein bissl wie Calexico in Zeitlupe. Und „Eine Umarmung“, ft. Eva Briegel von Juli, klopft ein schwungvolles Duett auf den Tanzboden. Das war’s aber auch schon mit den bemerkenswerteren Songs – der (große) Rest eiert und leiert träge dahin, li(e)dschwer und verhuscht narkotisierend.

Aber vielleicht ist es diesmal ja genau umgekehrt – und alles klingt live besser & überzeugender als auf Platte, was man in nächster Zeit wird überprüfen können, wenn sich Oehl (mit fünfköpfiger Band) auf eine „Tour der guten Hoffnung“ begibt. In der Wiener Arena macht er am 23. April Station. (Weitere Termine siehe: www.oehlmusik.com)

Burgenländer und die USA

Dort, in der Wiener Arena, werden am 24. Mai Cari Cari einen großen Open Air-Auftritt haben, nachdem das Duo davor quer durch die USA und Europa getourt sein wird, mit seinem neuen Album, „One More Trip Around the Sun“, im Gepäck. Burgenländer und die USA – das hat schon immer gut funktioniert. Daher fühlen sich Alexander Köck und Stephanie Widmer, beide aus Mörbisch gebürtig, in den Staaten auch besonders wohl – und füllen dort zurzeit gerade Clubs und mittelgroße Hallen (bevor sie Anfang April dann in Österreich konzertieren, siehe: https://caricariragazzi.com).

Und das, obwohl sie einer US-Booking Company (ebenso wie ihrem früheren Label) gekündigt haben, da sie lieber alles weitgehend in ihren eigenen Händen behalten wollen. Ein paar zusätzliche helfende Hände braucht es für all das freilich schon – und einige davon sind auf dem Cover des neuen, insgesamt dritten Albums, abgebildet: Freunde und Familienmitglieder, deren unterstützende Rolle und Funktion auch in einigen Songs liebevoll thematisiert wird.

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded. For more details, please see our Datenschutzerklärung.

Was den Sound anbelangt, kann man freilich sagen: Nichts Neues unter der Sonne, die bei Cari Cari bekanntlich von weit oben heiß vom Himmel brennt, ihren ausgedörrt-trockenen Desert-Rock in scharfer Umrandung grell beleuchtend. So ist das auch auf „One More Trip Around the Sun“, wobei hier gelegentlich auch etwas milderes Licht auf manche Songs fällt. Und was noch auffällt: ein gewisses programmatisches Pulsieren, wenn etwa der entspannten, mittels Akkordzerlegungen auf harten Gitarrensaiten vollzogenen Ballade „Farfalla“ (mit der radikal komprimierten Textzeile „Farfalla, Fly“ in ständiger Wiederholung) die ausnahmsweise deutsch betitelte Single „Schmetterling“ folgt, ein mit harten Beats und viel Hecheln versehener Song, mit einerseits lieblichem Butterfly-Gesumm, andererseits wildem Ekstase-Potential.

Cari Cari: One More Trip Around The Sun (perla nera)

„Bad News“ handelt – wenig überraschend – von dem, was wir tagtäglich nicht mehr hören & sehen können & wollen, und ist dementsprechend in repetierend-halluzinierender Eintönigkeit gehalten. Wobei die stilistische Bandbreite des Duos ja generell in überschaubarem Umfang (ver)bleibt – aber gerade daraus wird, ein Paradox besonderer Art, eine Aura und Atmosphäre von großer Weite generiert. Und so klingt, was eigentlich ziemlich einfach gestrickt ist, nach komplexen Zusammenhängen. Und ist das, was ständig wiederkehrt, von beständiger Einzigartigkeit. Weil nur zu zweit, sind Cari Cari längst zu groß für Österreich. Eine faszinierende Geschichte.

Verfügen über ein raffiniertes Song- und Time-Management: 5/8erl in Ehr'n (c) Astrid Knie

Faszinierende Paradoxie: Was ständig wiederkehrt, ist von beständiger Einzigartigkeit. Weil nur zu zweit, sind Cari Cari längst zu groß für Österreich.