Offene Räume
Lange haben sich Wallners aus Wien für ihr Debütabum „End Of Circles“ Zeit gelassen, lange sind auch schon ihre Auftritte im WUK (28.2.) und in einigen deutschen Konzertsälen ausverkauft. Zwei der vier Geschwister erzählen im Interview über ihren Zugang zum Musikmachen - und was die familiären Bande bewirken.

WAllners: end of Circles (upstairs)
Da reibt man sich die Augen und fragt sich, ob man einen Wahrnehmungsausfall hatte oder womöglich eine Zeitlang in einer Parallelwelt gelebt hat: Eine österreichische Band verkauft lange vor Erscheinen ihres Debütalbums auf der Basis von Mundpropaganda, einer fast fünf Jahre zurückliegenden Single und einer auch schon bald vier Jahre alten EP das WUK und Konzertstätten in Deutschland aus.
Und dabei handelt es sich um vier Geschwister.
Ja natürlich, man kennt Geschwisterkonstellationen in der Pop-Musik. Schnell fallen einem da verfeindete Brüderpaare ein, die Davies, Gallaghers, Fogertys und wie sie alle heißen. Hinter größeren Familienverbänden wie der Trapp-Familie, der Kelly Family, der Carter Family, den Osmonds, Jackson 5 oder den Beach Boys stehen wiederum oft Geschichten von Drill, Sektierertum, Abschottung.
Nichts von alldem trifft auf Anna (Gesang), Laurenz (Klavier), Nino (Gitarre) und Max Wallner (Bass) zu, die als Wallners erstaunliche Erfolge feiern. Ein paar Eigenarten generiert der familiäre Band-Kosmos natürlich schon.
„Dadurch, dass wir Geschwister sind und einen ähnlichen Zugang zu Musik haben, schaffen wir es, unser eigenes Tempo zu setzen, uns auf uns zu fokussieren und nach außen abzuschirmen“, eröffnet Bassist Max im gemeinsamen Interview mit Sängerin Anna in einem Café im 13. Bezirk. „Dass wir nicht zu leicht beeinflussbar sind, dass wir eine eigene Linie haben.“
Wallners sind also ein relativ in sich geschlossener Kosmos, und dieser gewährt der Musik Zeit, sich zu entwickeln.
„Es ist Fluch und Segen zugleich, dass der Eindruck entsteht, man braucht ewig, ein Album fertigzustellen“, sagt Anna. „Es ist wohl unser Zugang, länger an einem Song zu arbeiten. Wir sind gewiss nicht die Spontan-Künstler, die jeden Tag einen neuen Song rausballern. So lang, wie´s braucht, braucht´s halt.“

Laurenz, Max, Anna und Nino Wallner © Tim Cavadini
Der zeitaufwändige Arbeitsprozess bedingt freilich auch, dass sich Songs ansammeln und womöglich „hängenbleiben“. So geschehen auch bei Wallners Debüt-LP „End Of Circles“.
„Wir schreiben sehr viel“, bestätigt Max. „Und es kristallisierten sich ein paar Songs heraus, die uns am meisten motiviert haben, sie fertigzustellen. Aber rundherum gibt´s viele Songs mehr, die wir hoffentlich bald rausbringen.“
„Es bleiben laufend welche auf der Strecke“, lacht Anna. „Bei gewissen weiß man nicht, ob sie je das Tageslicht erblicken werden.“
„Wir haben eher das Problem“, erläutert Max, „dass zu viele Ideen entstehen und wir uns darauf fokussieren müssen, einzelne Songs fertig zu machen.“
Einzigartig
Niemand, der „End Of Circles“ gehört hat, wird seine Einzigartigkeit bestreiten wollen: Die Klanglandschaft, die da mit recht konventionellem Instrumentarium (Stimme, Gitarre, Bass, Keyboards, Schlagzeug) und ein paar Field Recordings (mit Geräuschen von Regen, Grillen, einem Käuzchen) ausgelegt wird, ist so eindrücklich und fast plastisch, dass man unterschiedliche Tages- und Jahreszeiten, selbst Temperatur- und Wetterschwankungen mitzuerleben scheint. Mit Annas ziemlich tiefer, aufs erste Hören nicht notwendigerweise gleich als weiblich erkennbarer Stimme kommt ein zusätzliches Alleinstellungsmerkmal ins Spiel – und auch eine positive Irritation, weil es die Musik vor einem Abgleiten ins allzu Beschauliche bewahrt.

Nokturne, melancholische Anmutung: Walllers © Tim Cavadini
Es ist ein ehernes Gesetz der Branche, dass Musik von solcher Individualität extra „schlaue“ Vergleiche anregt, weil Kritiker hier mit besonders insiderischer Expertise glänzen können. Bei und an Wallners prallen solche eitlen Kompetenzbeweise freilich wirkungslos ab, weil sie ihre potentiellen Impulsgeber gar nicht kennen.
Nach einem möglichen Einfluss der isländischen Band Sigur Rós befragt, schütteln Anna und Max ratlos den Kopf; ebenso wenig kannten sie die weitläufig ebenfalls dem Bereich des Dream-Pop zuzurechnenden texanischen Kollegen Cigarettes After Sex, bis sie wiederholt auf diese angesprochen wurden.
„Wir haben sie dann angehört und fanden es wirklich geile Musik“, erzählt Anna. „So läuft es bei uns eben den umgekehrten Weg wie normal: Wir entdecken Bands, weil wir mit ihnen verglichen werden.“
Wieviel Wien ist hier drinnen?
Vieles ist bei Wallners nicht so, wie es in dekadenlanger Arbeit im und am Metier der Popmusik angelernte Erwartungen nahelegen. Die nachgerade fröhliche Lebhaftigkeit von Anna und Max im Interview steht etwa in krassem Widerspruch zu den ernsten, bisweilen sogar düsteren Inszenierungen der meisten Pressefotos und auch etlicher Videos. Gar nicht zu reden von der nokturnen, schwermütigen, getragenen Anmutung der Musik.
Diese wiederum, die Musik, wird weithin wohl als ziemlich unrepräsentativ für den Ort, in dem sie entstanden ist, empfunden werden, und die PR-Arbeit für die Band scheint auch mindestens unterschwellig auf Abgrenzung zur „Wiener Szene“ (was immer man darunter verstehen mag) zu zielen.
Ob trotzdem etwas Wien im Werk der Wallners steckt?
Max wägt ab: „Wir haben uns immer gefühlt wie ein kleiner Satellit. Wir kennen kaum andere Musiker, wir bewegen uns nicht viel in dieser Szene. Dass Wien aber einen in gewisser Weise prägt, im Alltag, in der Lebensphilosophie, weil wir hier aufgewachsen sind – das kann schon sein.“
Anna: „Eine gewisse Melancholie, die uns oft nachgesagt wird, ist ja auch Wien nicht fremd. Und subtil kann die Stadt, in der man lebt, auch in der Stimmung mitschwingen.“
Es sei nie prononcierte Absicht der Band gewesen, sich von der Wiener Szene abzugrenzen, betont die Sängerin. Auch die Englischsprachigkeit der Texte – sowieso nicht wirklich ein exotisches Phänomen im popmusikalischen Output der Stadt – hat andere Gründe als eine demonstrative Distinktion vom lokalen Idiom.

© Tim Cavadini
„Ich bin sehr viel mit englischsprachiger Musik aufgewachsen, habe viel Soul gehört“, erklärt Anna. „Und ich finde beim Schreiben oft auch eine gewisse Distanz ganz angenehm. Es ermöglicht etwas Abstraktion, ja sogar sich in eine andere Welt zu katapultieren.“
Die Texte neigen, wie bei dieser Art Musik nicht unüblich, zum Stimmungsbildlichen; Motive aus der Natur (Mond, Sterne, Meer, Wald) bilden die buchstäblich malerische Kulisse für augenscheinlich recht komplizierte (oder vage) Beziehungskonstellationen und etwas existenzialistische Nachdenklichkeit.
„Wir haben oft intuitive erste Wörter, die lassen wir oft und schreiben darum herum, weil sie sehr nahe an einem Gefühl und einer Atmosphäre sind“, erklärt Anna. „Manchmal ist es eher erzählerischer wie in ,The Sea‘, manchmal ist es abstrakter. Ich glaube, tendenziell wollen wir einen offenen Raum lassen.“
Eine eigene Soundwelt
Wallners-Musik scheint auf beinahe unheimliche Weise austariert und in sich versponnen. Diese Ebenmäßigkeit ist zum einen – im Sinne von Unverkennbarkeit – natürlich der Trumpf der vier, zum anderen ein potentieller Fallstrick, weil sie leicht zur Kritik führen kann, hier klinge „alles gleich“.
Anna ist mit diesem Thema durchaus vertraut: „Wenn wir was Neues machen, denken wir, ,oh geil, das klingt mal ganz anders!‘ Dann kommen Freunde und sagen, ,Ja, das ist total eure Soundwelt.‘ Ich finde, das ist ja auch ein Kompliment, wenn man einen Signature Sound hat. Man muss sowieso bei dem bleiben, was einem taugt. Aber Dogmen setzen wir uns keine.“
Was die Geschwister zu Songs inspiriert? Vieles, wie aus dem zuvor Gesagten logisch hervorgeht.
„Das kann“, sagt Anna, „eine Straßenbahnfahrt sein, ein guter Film, etwas, das man gelesen hat. Ideen kommen aber auch, wenn wir einfach nur im Studio zusammensitzen, oder wenn es geschneit hat.“
„Das sind die schönen Dinge“, relativiert Max. „Manchmal aber, wenn man Stress hat oder in ähnlich unguten Situationen, kann´s auch sein, dass die Musik dann eine Fluchtmöglichkeit darstellt. Dass eine Idee kommt, wenn man eigentlich keine Zeit für die Musik hat.“

WAllners: end of Circles (upstairs)
Die Klanglandschaft, die hier ausgelegt wird, ist so eindrücklich und fast plastisch, dass man unterschiedliche Tages- und Jahreszeiten, selbst Temperatur- und Wetterschwankungen mitzuerleben scheint.