Ohne Rücksicht auf Verluste …
... langt Will Wiesenfeld aka Baths auf dem Album „Gut“ in die Vollen: Ein Bekenntnis zu queerem Sex im opulenten Orchester-Pop-Format.

Baths: Gut (Basement´s Basement)
Es ist nicht leicht, den klassisch am Piano ausgebildeten Sänger, bald 36-jährigen Songschreiber und Produzenten Will Wiesenfeld aus L.A. definitorisch dingfest zu machen. Seine Arbeiten sind tendenziell dem elektronischen Bereich zuzuordnen, bewegen sich dabei allerdings in einem weiten Feld von Synthi-Pop bis zu experimentellen Klangbildern.
Gewisse Anhaltspunkte bieten die Moniker, unter denen Wiesenfeld agiert. Erstmals von sich hören lassen hat er 2007 als [Post-Foetus] (wie kürzlich bei – den stilistisch komplett anders orientierten – Clipping. gehört hier das Satzeichen zum Namen), wo er mit anspruchsvollem Kunst-Pop seine klassische Ausbildung durchklingen lässt.
Für seine experimentelle Seite steht sein Alias Geotic, mit dem er seit 2008 nicht nicht weniger als 14 Full-Length-Releases herausgebracht hat und das ihm wohl als eine Art elektronisches Versuchslabor dient.
Was von diesen Expeditionen in einem Pop-Kontext verwertbar ist, findet Eingang in seine Arbeit unter seinem mit Abstand bekanntesten und populärsten Alias Baths, von dem eben die vierte LP erschienen ist: „Gut“ heißt sie.
Der Titel hat nichts mit dem freundlichen deutschen Wort zu tun, sondern ist ziemlich sehr sicher als die Einzahl des Wortes „guts“ zu verstehen. Dieses bezeichnet ja nicht nur die Eingeweide eines Menschen, sondern auch, dass sich die/der was traut. Und genau das ist das Thema, die Charakteristik dieses Albums.
Will Wiesenfeld ist queer und geht damit – dem repressiven gesellschaftlichen Klima gegen Menschen außerhalb des heteronormativen Regel- und Wertekanons in seinem Land und auf der ganzen Welt zum Trotz – in die Offensive. Laut Zitat im Waschzettel seines eigenen Labels Basement’s Basement denkt er die ganze Zeit an Sex und Männer und will dieser Obsession mit „Gut“ buchstäblich ohne Rücksicht auf Verluste (an Ansehen und Akzeptanz) Ausdruck verleihen.

Herausforderung für die Orthodoxie des Mainstreams: Will Wiesenfeld (© Tonje Thilesen)
In „American Mythos“, einem der herausragenden Songs des Albums, crasht diese Haltung frontal mit der vulgären Orthodoxie des gesellschaftlichen Mainstreams: Ein Mann folgt seinem Partner widerwillig zu einer Gesellschaft, die er verabscheut, und fühlt sich dadurch erniedrigt. Wir zwei sind auch nur scheißgewöhnliche Amerikaner, schimpft der Text anklagend: „Acting like fucking americans / can you tell I hate it when playing this / you and I, fucking americans / you and I, is this what it is?“
Nach- und eindrücklich äußert sich Frustration auch im lauernden „Governed“, in dem Wiesenfeld beklagt, dass ihm als schwulen Mann einerseits die Gesellschaft ein gewisses Rollenverhalten aufzwingt, und ihm andererseits die gay community ein erfülltes Leben verwehrt.
„Governed“, dessen Ursprünge im Jahr 2019 datieren, ist eines der wenigen Stücke, die sich noch in jenem sparsamen, wenn auch durchaus nicht undifferenzierten Elektronik-Format bewegen, in dem Baths schon mit dem LP-Debüt „Cerulean“ (2010) Aufmerksamkeit und viel Anerkennung gefunden hat. Es ist auch nur ein Moment des Innehaltens: Ansonsten langt Wiesenfeld, dessen Stimme hin und wieder an Prince, nicht selten auch, falls sich noch wer an den erinnert, „Babybird“ Stephen Jones und in exaltierten Momenten sogar an Ezra Furman anklingt, bei „Gut“ in die Vollen und setzt neben elektronischem Arsenal echtes Schlagzeug, häufig Gitarren, hin und wieder auch Streicher ein.
Das Ergebnis ist Musik mit bisweilen hypnotisierendem Sog und von Orchester- und Drama-Pop-artiger Opulenz, die öfter einmal an Divine Comedy und gar nicht selten auch an Deerhunter in der Form ihrer Meisterwerke „Halcyon Digest“ und „Why Hasn’t Everything Already Disappeared“ erinnert.
Eine gewisse Wesensverwandtschaft zeigt sich hier aber auch mit „Glovemaker“, dem letztjährigen Opus von Drama-Queen Loren Kramar. Beide Werke formulieren auf eine Weise, die im Englischen sehr schön mit dem Wort „bold“ bezeichnet ist, einen Anspruch auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung.
Der kleine Unterschied ist, dass sich Kramar eher als Spielball der Elemente (und Ereignisse, Einflüsse) gibt, während Wiesenfels zumindest darum ringt, das Gesetz des Handelns in der Hand zu halten. Nicht immer erfolgreich natürlich, aber hier trifft die Phrase „Der Weg ist das Ziel“ wohl wirklich ins Schwarze.

Baths: Gut (Basement´s Basement)
Will Wiesenfeld begreift es als Demütigung, sich wie ein „fucking American" zu benehmen.