Soundtrack zum kommenden Aufstand

Das neue Doppelalbum des französischen Multiinstrumentalisten Yann Tiersen zeichnet sich durch wunderschöne Klaviermusik, kinematografische Atmosphäre und pulsierende Rhythmen aus.

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5. April 2025

Yann Tiersen: Rathlin from a Distance | The Liquid Hour (Mute[PIAS)

Am 12. Juni 2023 gingen Yann Tiersen und seine Lebensgefährtin Émilie Quinquis mit ihrem Sohn und zwei Seemännern in Ouessant an Bord eines Segelschiffs. Sie begaben sich auf ein besonderes Abenteuer: Durch britische Gewässer fuhren sie bis zu den Färöer-Inseln, auf ihren Zwischenstopps spielten die beiden Konzerte. Diese Expedition hat der französische Multiinstrumentalist nun auf „Rathlin from a Distance | The Liquid Hour“ in Musik gegossen. Das rund 80-minütige Doppelalbum besteht aus zwei verschiedenen Teilen, die inhaltlich zwar durch die Erlebnisse und Gedanken auf See verbunden sind, musikalisch allerdings weit auseinanderklaffen.

Der erste Teil des Albums, „The Liquid Hour“, ist ein Hybrid aus Ambient, Electronic Body Music und Industrial und setzt sich aus fünf Stücken mit hypnotischen Grooves und vielen verschiedenen elektronischen Klangerzeugern zusammen.

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Der zweite Teil, „Rathlin from a Distance“, besteht wiederum aus acht Soloklavierstücken, benannt nach Orten, die sie auf ihrer Reise besuchten: Vom Fastnet-Leuchtturm im Atlantik über die Shetland-Inseln bis hin zu den ruhigen Gewässern des Caledonian Canal in Schottland. Kristallklare Notenkaskaden prägen diese Stücke ebenso wie das Wechselspiel zwischen laut und leise, schnell und langsam. Auch Einflüsse von Minimal Music, etwa bei „Nor ragoeta“, sind samt teils verspielter Melodien auf dem Album zu finden. In inhaltlicher Hinsicht reflektieren diese Klavierstücke eine introspektive Reise: „Sie sind Landkarten für das eigene Selbst“, wird Tiersen in den Liner Notes zitiert. „Sie sollen dich zum Kern dessen führen, was du bist – und nicht zu der Version von dir, die durch gesellschaftliche Erwartungen geformt wurde.“

Experimentiert gerne mit Sounds

Tiersen, geboren 1970 in der Bretagne, ist bekannt dafür, dass er sich nicht um Trends und Strömungen kümmert. So vermischte er schon in seinen frühen Schaffensjahren Pop, Rock, Chanson und klassische Versatzstücke mit einer Fülle an Instrumenten, beschränkte sich nicht nur auf Gitarre, Geige und Klavier, sondern spielte auch Cembalo oder griff zu Banjo, Glockenspiel oder Melodica. Und mit der Zeit verwendete er auch Synthesizersounds, Field Recordings oder Electronica.

Stilistischer und klanglicher Eigenbrötler: Yann Tiersen © Aurelie Scouarnec

2001 wurde Tiersen mit seiner Musik zum Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ von Jean-Pierre Jeunet international berühmt, zwei Jahre später folgte die Filmmusik zu „Good Bye Lenin!“ des Deutschen Wolfgang Becker. Musik und Film sind für Tiersen zwei getrennte Bereiche, auch als Komponist will er sich nicht sehen. Er komme aus der Rock-Musik, darum komponiere er nicht, sondern spiele einfach, nehme auf und schaue, was dabei passiere.

Dass er gerne mit Sounds experimentiert und Neues ausprobiert, ist auch auf dem aktuellen Werk, seinem 15. Studioalbum, hörbar. So verwendet er etwa eine Ondioline, ein seltenes elektronisches Instrument aus den 1930er Jahren, oder setzt Martenot-Wellen ein, zu hören etwa auf „Stourm“, einem mehr als 11-minütigen Track, der mitsamt technoiden Elementen und dem Gesang von Émilie Quinquis eine ganz eigenwillige Dynamik entwickelt.

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Der rhythmische Wellenritt „Ninnog at Sea“ erquickt wiederum mit einem synthetischen Clavichord, während das erste Titelstück, reich an instrumentellen wie rhythmischen Details, enorme Auftriebskraft entwickelt. Vier verschiedene Drumcomputer kommen außerdem auf dem ersten Teil des Albums zum Einsatz. Er gipfelt in einem kraftvollen Schlusstrack, benannt nach der spanischen Antifaschistin Dolores Ibárruri, die für ihre legendäre „¡No Pasarán!“-Rede bekannt wurde.

Während Tiersen den Klavierteil des Albums als Reise zu sich selbst bezeichnet, geht es in dem anderen um die Lage der Welt, um den Wunsch nach sozialem und politischem Wandel, nach Zerstörung des Bestehenden und dem Aufbau einer besseren Zukunft. Tiersen dazu: „Das Wasser wird zu einem Spiegel meiner Wut. Und der Hoffnung. … Das ist für euch, für uns alle, für das, was kommen wird, für das, was wir gemeinsam aufbauen werden. Der Soundtrack zu unserem Aufstand.“

Weitere Infos: https://www.yanntiersen.com/

Yann Tiersen: Rathlin from a Distance | The Liquid Hour (Mute[PIAS)

Während Tiersen den Klavierteil des Albums als Reise zu sich selbst bezeichnet, geht es in dem anderen um die Lage der Welt, um den Wunsch nach sozialem und politischem Wandel.