Wenn man kein Topfeng’sicht hat

Rassismus-Erfahrungen, aber auch Themen wie Einsamkeit, Altern und Stalking verarbeitet der Wiener Liedermacher Vereter auf seiner formidablen LP „Ihr Seit Alle".

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3. April 2025

Vereter: Ihr Seit Alle (unrecords)

Die Grammatik ist ein Hund und rEchtschreibung für die Katz: Wer sich einmal die zugegeben masochistische Mühe gemacht hat, die Fan-Postings auf Herbert Kickls Facebook-Seite in Augenschein zu nehmen, weiß, dass die FPÖ-Klientel (samt größeren Teilen der Parteispitze) die Deutsch-Kompetenzen, die sie lautstark von Migranten einfordert, selbst dringendst nötig hätte.

Es kann daher unter mehreren Deutungsmöglichkeiten durchaus auch als Seitenhieb auf genau solche Zeitgenossen aufgefasst werden, wenn sich ein Künstler migrantischer Herkunft, dessen artistische Beherrschung der deutschen Sprache und insbesondere des Wienerischen in vielen autochtonen Dumpfnüssen nur Neid hervorrufen kann, orthographisch schwer unkorrekt Vereter nennt. Zumal doch Rechtsaußen eh so schnell mit dem Verdikten wie „Volksverräter“ etc. zur Stelle sind.

Dass Vereter sein Debütalbum „Ihr Seit alle“ betitelt, fügt sich wunderschön ins Bild.

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Hinter Vereter steht ein queerer Wiener Sänger und Gitarrist zweiter Generation. Als Privatperson nennt er sich Pete Prison IV.

Vereter ist als deutsch-/dialektsprachliche Singer/Songwriter-Dependance aus Prisons englischsprachigem Indie-Rock-Projekt Bosna hervorgegangen. Als Vereter wird er von der beseelten Combo Die Woamen Semmeln begleitet, zwei Songs performt er auf „Ihr Seit Alle“ allein.

Eine prägnante, für ihre verbale Eindringlichkeit wie auch musikalischen Haken an dieser Stelle (ganz unten) bereits bereits entsprechend gewürdigte Single über rassistisch motivierte Polizeiwillkür, „Gürtel Walzer“ betitelt, ist der Debüt-LP vorausgegangen. Was sie versprochen hat, hält Vereter auch über die Langstrecke.

Diskriminierungserfahrungen: Pete Prison IV © Amela Ristić

Wie´s einem geht, „wenn ma ka Topfeng’sicht hat“, ist nicht nur in „Gürtel Walzer“ ein Thema, sondern auch in „Es War Ja Net Bös Gemeint“, wo das ungute Geflecht aus aggressiver Diskriminierung und ärgerlich ignoranten Beschwichtigungsfloskeln beleuchtet wird.
Stalking und männliche Unverständigkeit („Das Mauserl aus Simmering“), Einsamkeit („Feuersalamander“), nachbarlicher Tratsch („Schiessbudengsicht“) und das Altern („Schwarzes Haar“) sind weitere Topics dieser Platte.
Manchmal ist sie, abseits jeglicher politischer oder sozialer Konnotation, auch einfach nur lustig wie in der Geschichte von der Fußballspielerin, die mangels sportlicher Fokussierung so saumäßig schlecht spielt, dass dem Erzähler die Worte dafür fehlen und er sich eins pfeift.

Mehr als nur Wienerlied

Vereter wird gerne als moderner Vertreter des Wienerlieds gebrandet. Das liegt zum einen nahe, wenn sein erzählerischer Vortragsstil mehr als einmal an Voodoo Jürgens, dann wieder, besonders im Fußball-Lied „Murli“, an Der Nino aus Wien erinnert.

Und doch greift es zu kurz. Denn der musikalische Ansatz ist wesentlich weiter angelegt. Die aufgekratzte Geige von Bit Michlmayr, die insbesondere den finalen Teil von „Gürtel Walzer“ gehörig anfackelt, weckt bisweilen Assoziationen zu osteuropäischen Musiken.

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Der Opener „Little Paris“, der sich um ein wohl fiktives In-Grätzel dreht und mit den schönen Zeilen „Wann wird´s endlich wieder regnen / die Straßen fäuln schon nach Urin“ beginnt, klingt komischerweise eher nach Tango denn nach klassischem Chanson (falls sich darin eine Anspielung auf den Film „Der letzte Tango in Paris“ verbirgt, erschließt sie sich nicht).
Andere Songs wiederum, wie das eigentlich todtraurige, aber auch rührende „Feuersalamander“, klingen reduziert, regelrecht skelettiert.

Man merkt, dass Prison seine Stilmittel mit Bedacht gewählt hat. Nachdem er deren einige auf Lager hat, ist „Ihr Seit Alle“ eine distinktive Platte von munterer Vielfalt. Und als junge Stimme ist Pete Prison IV., der ein Vereter sein will, eine willkommene Blutauffrischung im Chor der Wiener Liedermacher.

Solo-Live-Autritte in Wien: 8.5.,  Flex Café; 9.5. , Likörstube